Über die Edition
Der Marlboro Man im Rauch. Passender könnte die 18 Meter große Werbeikone auf dem Dach des ehemals dort ansässigen Tabakkonzerns Philip Morris in Berlin-Neukölln kaum in Szene gesetzt sein. Doch inszeniert ist hier nichts. Der Fotograf und Schauspieler Lars Eidinger hat das Motiv eingefangen. Quasi im Vorbeigehen. „Meine Bilder stehen in der Tradition des Readymades“, sagt er. „Die Motive sind nicht beeinflusst, manipuliert, inszeniert oder herbeigeführt. Ich suche nicht nach ihnen. Wir begegnen uns.“ Für die Cinema Editions kombiniert Eidinger seinen Foto-Abzug auf Baryt mit dem Italowestern-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“. Der Cowboy mit Sattel, Lasso und Zigarette im Mundwinkel: Kaum etwas scheint so aus der Zeit gefallen – auch für Eidinger. In dem vermeintlich Guten, der gegen das Böse kämpft, sieht er heute den Eindringling und Okkupator. In der Zigarette statt Symbol für Freiheit und Abenteuer ein todbringendes Gift. Insofern kann der Marlboro Man im Wolkennebel auch als ein sich auflösender Mythos gelesen werden. Als ein Abschied von überkommenen Idealen zum Soundtrack von Ennio Morricone.
Was verbindest du mit dem Marlboro Man?
Den Cowboy finde ich ein interessantes Motiv, weil er heute für etwas ganz anderes steht als damals. Groß geworden bin ich mit dem Cowboy als Guten und den Indigenen als Bösen. Der gute Cowboy, der friedlich durchs Tal reitet und dann von den bösen, feindseligen „Indianern" angegriffen und mit Pfeilen beschossen wird. Heute sehe ich in ihm den Besatzer, den Eindringling und Okkupator, der die Ureinwohner Indianer nennt, weil Columbus sich verfahren hat und in Indien wähnte. Er steht für Unrecht und trägt Insignien wie das Lasso, das für das Domestizieren, Beherrschen und Unterdrücken steht. Pferde sind Fluchttiere. Es hat etwas Perverses, sich auf deren Rücken zu setzen. Der Revolver steht für Tod. Auch die Zigarette. Suggeriert werden sollte ein Gefühl von Freiheit. Die Zigarette ist im Gegenteil ein todbringendes Gift, das einen in die Abhängigkeit, Unfreiheit treibt.
Der Cowboy im Rauch – was hat dich an dem Motiv gereizt?
Das Motiv habe ich entdeckt, als ich mit dem Filmemacher Reiner Holzemer, der den Dokumentarfilm „Sein oder nicht Sein" über mich gemacht hat, auf dem Weg zur Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" war. Im Vorbeifahren fiel mir auf, dass es wirkt, als würde der Rauch aus dem Schornstein aus der Zigarette kommen. Das Bild habe ich mit dem Mobiltelefon aufgenommen. Ich habe es mehrmals versucht, mit einer Spiegelreflexkamera hochauflösend zu wiederholen, aber der Cowboy war entweder auf eine andere Position gedreht, der Himmel war nicht so blau oder der Rauch war aus oder blies in die andere Richtung. Der Zufall oder das Schicksal wartet oft mit einer Perfektion auf, die höchst aufwendig zu rekonstruieren wäre.
Wie entstehen deine Fotografien?
Ich glaube an den Moment, das Unmittelbare, das Jetzt, an Präsens. Meine Bilder stehen in der Tradition des Readymades. Die Motive sind nicht beeinflusst, manipuliert, inszeniert oder herbeigeführt. Ich suche nicht nach ihnen. Wir begegnen uns. Es geht darum, im Fluss, im Flow mit seiner Umgebung zu sein, mit seinem Umfeld zu schwingen, dann wird das Verborgene offenbar. Fotografie ist die Brücke vom Unterbewusstsein zum Bewusstsein. Etwas Unterbewusstes löst den Reiz des Fotografierens aus, während sich die eigentliche Dimension, die Vielbedeutung, die Tiefgründigkeit erst beim Betrachten erschließt. Jedes Bild ist ein Selbstporträt der Betrachtenden. Es meint und bedeutet immer etwas anderes, je nachdem, wer es betrachtet. So wie man im Traum in verschiedenen Gestalten auftaucht, begegnet man in der Fotografie sich selbst. Sie ist ein Spiegel.
Über den Künstler
Für den Theater- und Filmstar Lars Eidinger (*1976, Berlin) ist die Fotografie ein weiteres Mittel zur Selbsterkundung und gleichzeitig ein Angebot für die Betrachtenden: „Sie ist ein Spiegel.“ Im Oktober 2026 erscheint der Bildband „Who´s there?", betitelt nach den ersten Worten in Shakespeares Tragödie „Hamlet“, laut Eidinger „meine Lebensrolle“, für die er international gefeiert wurde. Kunst kennt keine Moral, sagt er, und zitiert Hamlet auch hier: „FOR THERE I NOTHING EITHER GOOD OR BAD, BUT THINKING MAKES IT SO.“
„Who´s there?" ist nach „Autistic Disco" und „O Mensch" der dritte Teil einer Trilogie mit Fotografien des Künstlers. Seine mit Smartphone und Spiegelreflexkamera aufgenommenen Bilder und Videofilme wurden u.a. im K21 der Kunstsammlung NRW, in der Hamburger Kunsthalle und der Galerie Ruttkowski;68 ausgestellt. Eine Einzelausstellung mit dem Titel „Who`s there?" ist für den Herbst 2026 in der Kunsthalle Tübingen geplant.