Interview mit Jonas Burgert
artflash: Die Heliogravüre „blieb Ihr“ zeigt eine Frauenfigur, aber als weibliches
Porträt ist das Blatt wahrscheinlich gar nicht so gut beschrieben, oder? Wer oder was
sitzt einem da eigentlich gegenüber?
Jonas Burgert: Erst mal muss man grundsätzlich sagen, dass ich eigentlich immer
versuche, eine klare Erkennbarkeit, aber gleichzeitig nicht Naturalismus zu machen.
Ich möchte eben nicht, dass das Erna Müller ist oder jemand, den man kennt,
sondern, dass die Figur immer stellvertretend ist für Mensch an sich. Das ist einer
der Hauptgründe, warum die Gesichter oft eine sehr ähnliche, manchmal auch eine
androgyne Art haben. Es geht eben nicht um jemanden aus der realen Welt
artflash: Die Figur hat die Augen geschlossen. Für mich sieht es fast aus wie eine
Totenmaske…
Jonas Burgert: Das ganze Blatt ist eigentlich die Idee einer Poesie, die Idee der
Stille mit sich selbst. Deswegen auch diese in sich Gekehrtheit und diese
geschlossenen Augen. Es ist für sie völlig egal, was wir denken. Es geht nicht mehr
darum, ob wir ihr das glauben, was sie da macht oder sagt oder fühlt. Das ist lange
vorbei. Das war mal, dass die Gesellschaft ihr wichtig war. Deswegen auch die
Vergangenheitsform mit „blieb Ihr“. Es ist was passiert vorher und es ist sozusagen
ein Resultat einer Handlung.
artflash: Ein Motiv, das sich oft wiederholt in deinen Bildern sind Bänder, zum
Beispiel wie hier auf dem Kopf der Figur. Was verbindest du damit?
Jonas Burgert: Ich bin immer auf der Suche nach Formen gewesen, die sehr
abstrakt und einfach sind und nicht zeitlich zuzuordnen und gleichzeitig in ihrer
Auslegung unglaublich flexibel. Ich finde, das Band ist eine der irrsinnigsten Formen,
die es überhaupt gibt. Wir benutzen es ja den ganzen Tag. Das Band kann alles,
kann verbinden, zerstören, tragen. Kann ein Seil oder eine Schnur oder ein Faden
sein. In „blieb Ihr“ ist es wie eine Schmückung, die aber irgendwie schief gelaufen ist.
Eine Art Krone, aber wenn man genau hinguckt, dann stimmt da gar nichts. Es ist
chaotisch und sieht komischerweise elegant aus.
artflash: Ein weiteres Motiv, das auch öfter auftaucht in deinen Arbeiten, ist der
Fisch…
Jonas Burgert: Der Fisch ist eigentlich wie so ein Symbol für eine andere Welt.
Deswegen nehme ich oft Fische und Vögel in den Bildern. Das sind die Orte, wo wir
nicht sind, Wasser und Luft, für uns sind das Sehnsuchtsorte. Oder zumindest eine
fremde, mystische Welt. Es ist ja bis heute so, dass wir nicht wissen, was da unten
im Marianengraben alles rumschwimmt. Aber es ist natürlich nicht
naturwissenschaftlich, sondern symbolisch zu sehen. Dass sie sich dieses instinktive
Wesen aus der anderen Welt um den Hals legt und sich dadurch in ihrer Poesie
verhält. Das instinktive Handeln des Tieres ist etwas, was wir eben auf eine gewisse
Art auch immer noch beneiden.
artflash: Deine Bilder sind voll von fantastisch anmutenden Figuren, Dingen, Tieren,
Zwischenwesen, Farbverläufen – in welchen Büchern, Comics, Zeitschriften liest du,
was für Filme schaust du?
Jonas Burgert: Gar nichts.
artflash: Okay, aber so eine krasse Fantasie, die kann ja nicht in einem Kopf
passieren…
Jonas Burgert: Ja, doch, irgendwie schon. Deswegen habe ich auch angefangen,
so was zu machen. Ich hatte immer tausende Bilder im Kopf und hab gedacht,
warum malt das keiner. Diesen Moment, der kurz zwischen dem Naturalistischen und
dem Abstrakten sitzt, den habe ich irgendwie vermisst. Für mich ist Kunst eigentlich
immer, Denken zu empfinden. Das, was wir denken, ist die eine Welt, und das, was
wir empfinden, ist die Transformation dieser Welt, die wir sehen. Also wir nehmen die
normale Welt wahr, wie sie ist, und dann transformieren wir sie in einen Klang oder in
eine Form oder in einen, was weiß ich, in eine Farbe oder eine Atmosphäre. Das ist
ja das Verrückte, was Kunst machen kann. Das ist auch wieder abrufbar und dadurch
auch zeitlos im besten Falle. Eine zeitlose Transformation in eine andere Sprache,
die uns hilft, anders sprechen zu können miteinander.